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The daily hazards of life

Die verlorene Kunst des Nachdenkens

Die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt.

Hermann Hesse

Es mag daran liegen, dass wir uns keine Brieftauben, Telegramme oder Faxe mehr schicken, sondern stattdessen ständig mit e-mails bombadiert werden. Es mag daran liegen, dass alles schnell gehen muss und sich niemand mehr Zeit nimmt, etwas von vorne bis hinten komplett durchzudenken. Jedenfalls bin ich in letzter Zeit immer häufiger mit einem Meer an Halbfertigem konfrontiert. Halbfertig gedachtes, halbfertig produziertes. Es scheint vielen immer schwerer zu fallen, sich zuerst einmal Gedanken zu einer Sache zu machen und diese dann konsequent durchzuziehen.

Dieses ständige Nebenher-Dinge-tun, hier Mail checken, dort Facebook Status updaten, da bei Foursquare einchecken, zwischendurch am Mobilfon skypen, wirkt sich auf eine Art und Weise auf unser Leben aus, die aber eben gerade dazu anregen sollte: nachzudenken. Wie wird die Kommunikationskultur künftiger Generationen beeinflusst, die es gar nicht anders gewohnt sind? Ich bin ja aus der Generation derjenigen, die sowohl die Zeit ohne Handy und Internet als auch dessen Anfänge und die mittlerweile sehr umfassenden Ausmaße erlebt hat und erlebt. Ich weiß, was es für einen Unterschied macht – im positiven und negativen Sinn – derartige Technologien zur Verfügung zu haben. In vielen Situationen ein Segen: wenn ich mir denke, wie mühsam es teilweise am Anfang meines Studiums oder am Anfang meiner journalistischen Karriere war, Themen zu recherchieren, ewig auf Bücher warten zu müssen, die in der Bibliothek ewig ausgeliehen waren. Und wieviel einfacher das alles mit Google, ebooks und Konsorten geworden ist. Immer öfter empfinde ich diese Situation aber auch als Fluch: ich bin ständig erreichbar, wenn man ein e-mail schreibt/bekommt, wird eine sofortige Reaktion erwartet, ist man mal einen Tag nicht im Büro, hat man gleich wieder mindestens 150 dieser e-mails im Posteingang und alles muss ganz schnell gehen. Früher habe ich, wenn ich U-Bahn gefahren bin, ein Buch gelesen und dabei ein wenig entspannt. Jetzt tippe ich auf meinem Handy herum, rufe e-mails ab, checke Twitter Updates, kontrolliere die Facebook Page meines Unternehmens und fühle mich ständig on edge.

Die Technik nimmt Einfluss auf unseren Geist. Sie ist im Prinzip mittlerweile für alle selbstverständlich und wird nicht hinterfragt. Es ist Normalzustand ständig davon umgeben zu sein und dadurch einen ständig beschäftigten Geist zu haben, der nicht mehr einfach alleine vor sich hinwandern kann. Und das führt zu Halbfertigem, Halbherzigem, zu einem oberflächlichen Geist, der schon bei der nächsten Aufgabe ist, während die erste noch gar nicht erledigt ist.

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