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The daily hazards of life

Als der Stephansdom zu weinen begann: Electric Church

Elektronische Musik, Lichtinstallationen und eine Kathedrale – das klingt doch eigentlich nach einer spannenden Kombination. Dachte ich auch, und folgte vergangene Woche dem Ruf zur „Electric Church“ im Wiener Stephansdom. In Retrospektive ein Fehler.

Ich verbringe ja durchaus (wie ich glaube) doch ein wenig mehr Zeit in Kirchen als der Durchschnittsbürger. Nicht unbedingt, weil ich eine solch glühende Anhängerin der katholischen Kirche bin – wenngleich die Gebäude für mich immer etwas sehr Beruhigendes ausstrahlen – sondern eher weil ich Personen sehr nahe verbunden bin, die einen leichten Kirchenfetisch haben. Was ich durchaus nicht unexotisch, aber interessant finde. Jedenfalls kenne ich den guten alten Stephansdom in Wien City doch mittlerweile recht gut und fühle mich ihm freundschaftlich verbunden. Weshalb mir sehr leid tut, was ihm letzte Woche widerfahren musste.

Da fanden sich nämlich nach riesigem Facebook Marketing Getöse und vielversprechenden Ankündigungen 1.500 Menschen im Dom ein, um der „Electric Church“ beizuwohnen. Angekündigt war das ganze auf deren Website so: „Sakrale Baukunst wird zur Bühne für einen Mix aus live gespielten, klassischen Instrumenten, Chorgesang, Soul, Funk, House und mitreißenden elektronischen Beats. Ergänzt durch die farbenprächtigen Bildschöpfungen des international renommiertes VJ-Duos „4youreye“, die direkt an die Kirchenwände projiziert werden, präsentiert „Electric Church“ einen völlig neuen Zugang zu biblischen Themen, der Menschen aller Alter- und Gesellschaftsschichten anspricht.“

Was ich mir darunter vorstellte: gut gemachte Visuals, eine schlaue Kombination aus feinem Elektro und Akustikinstrumenten, das ganze eingebettet in eine Geschichte, die neuzeitliche Unterhaltungsansprüche mit biblischem Kulturgut verbindet. An sich also ein Projekt mit sehr viel Potenzial interessant zu sein.

Was mir geboten wurde: eine plumpe Darstellung eines noch viel plumperen Plots, die ich bei einer Schulaufführung von Zweitklässlern irgendwo in Mistelbach Umgebung vermutlich in gleicher Qualität gesehen hätte. Aber da wären die Darsteller zumindest herzig gewesen. Erzählt wurde die Geschichte vom – ach, wie aktuell der Kontext! – Flüchtlingskind Bato (oder so ähnlich), das von Erzählweise und Plot eher wie ein BRAVO-Fotoroman anmutete. Da kamen Sätze im Stil von  „In der Klasse sind alle so gemein zu mir. Und der Klassenvorstand ist echt böse. Hach, ich bin so arm, aber ich werde stark sein!“ vor, Rat suchte die kleine Bato dann immer in der Bibel. Ihr könnt euch vorstellen, was in dem darauffolgenden Visual – jedes Mal, damit´s auch jeder versteht – eingeblendet wurde: eine Bibel, die aufgeschlagen wird und in der dann Ruth oder Judit oder andere starke Bibel-Frauen vorgestellt wurden. Die Visuals selbst hätten auch eine Liveübertragung von einem Microsoft Bildschirmschoner sein können, so uninspiriert kamen sie daher. Und als ob es nicht mehr plumper und schlimmer gehen würde, folgte in diesem nicht enden wollenden Kreislauf mangelnder Dramaturgie dann immer noch ein musikalischer Part. Bei dem ein kleiner Elektrobeat mit einer E-Gitarre aufgemotzt wurde und Sänger Dinge wie „I can do it, I can do it, home is where my heart is“ wiedergaben. Songschreiber sollten für so etwas verklagt werden dürfen.

Da saß ich also, neben mir der Kirchenfan, und dachte mir: Stephansdom, oh, Stephansdom, das hast du wirklich nicht verdient! (und dürfte damit im übrigen nicht die Einzige gewesen sein, in den Reihen vor mir verließen Mitgefangene scharenweise die grottige Darbietung) Mein nächster Stephansdom Besuch wird jedenfalls wohl eher wieder eine Messe sein (Weihnachten würde sich anbieten), da weiß man wenigstens, was einen erwartet – und die Musik ist auch besser.

 

 

 

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